Einer Jungfrauen Klage über nahendes Alter

Martin Opitz

Ach wo ist nun die Zeit / in der man pflag zu gleichen
Der Rosen schöner Zier mein' edele Gestalt?
Ja freylich bin ich so / nun ich bin grau und alt.
Eh' als der Sonnen Glantz die Rose kan erreichen

So muß sie durch die Lufft der Nacht zuvor verbleichen /
Und hat nur von dem Thau ein wenig Unterhalt:
So netzen mich jetzt auch die Thränen mannigfalt /
Weil ich die junge Zeit nun habe lassen schleichen.

Geht dann der Morgen an / so wird die Rose roth;
Ich werde Schamroth auch gedenck ich an die Noth.
Doch hab ich diesen Trost, daß gleich wie von den Winden

Die Rose wann der Tag sich neigt / wird abgemeit /
So werd' auch ich / weil nun mein Abend nicht ist weit
Kan ja es hier nicht seyn / doch Ruh' im Grabe finden.

 

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