Alexander Lernet-Holenia
Alexander Marie Norbert Lernet-Holenia, Pseudonym Clemens Neydisser, geboren am 21.10.1897 in Wien; gestorben am 3.7.1976 ebenda, war ein österreichischer Schriftsteller. Ein großer Teil seines erzählerischen Werk ist der phantastischen Literatur zuzuordnen, zudem verfasste er auch Dramen und Lyrik.
Lernet-Holenia wuchs zwischen Wien und Klagenfurt auf und legte 1915 inWaidhofen an der Ybbs seine Matura ab. Im September desselben Jahres meldete er sich freiwillig zum Militär. Wie viele junge Männer seiner Generation zog es ihn, beflügelt von patriotischer Begeisterung, vom Gymnasium direkt an die Front des Ersten Weltkriegs. 1917 wurde er zum Leutnant befördert und für seine „Tapferkeit im Feld“ ausgezeichnet. In der Ukraine erlebte er den Zusammenbruch des Habsburgerreiches und den Zerfall der österreichisch-ungarischen Armee – Erfahrungen, die tiefe Spuren in seinem Werk hinterlassen sollten.
Im Jahr 1920 wurde er von der wohlhabenden, in Kärnten wohnhaften Familie seiner Mutter adoptiert und trug seitdem den Doppelnamen Lernet-Holenia. Seine literarische Laufbahn begann er Anfang der 1920er Jahre mit expressionistischer Lyrik und wandte sich anschließend dem Theater zu. Seine ersten Gedichte hatte er bereits mit siebzehn Jahren verfasst und sie, von der russischen Front aus, dem von ihm bewunderten Rainer Maria Rilke geschickt. Sein erster Gedichtband erschien 1921 unter dem Namen Alexander Maria Lernet.
Lernet-Holenias erste dramatische Arbeiten brachten ihm sofort bedeutende Auszeichnungen ein: 1926, im Alter von 29 Jahren, erhielt er den Kleist-Preis für die drei Stücke „Demetrius“, „Ollapotrida“ und „Österreichische Komödie“. Diese Ehrung bot ihm dann auch die Gelegenheit, gegenüber dem literarischen Establishment jenen Hang zur Provokation zu demonstrieren, der ihn sein ganzes Leben lang kennzeichnen sollte: 1930 verzichtete er aus Anlass einer vermeintlichen Plagiatsaffäre demonstrativ und lautstark auf den Kleist-Preis.
Lernet-Holenias stilisierte Nonchalance gegenüber Auszeichnungen war Ausdruck eines komplexen Verhältnisses zum Schreiben, gekennzeichnet durch die Bescheidenheit eines Schriftstellers, der sich aus Ehrfurcht vor den Meisterwerken der Vergangenheit weigerte, zeitgenössische Werke – auch die eigenen – als gleichrangig zu betrachten. Diese Haltung, die sich sowohl sozial als auch literarisch manifestierte, führte dazu, dass er von seinen Freunden und Bewunderern u. a. als „letzter Grandseigneur der österreichischen Literatur“ (Friedrich Torberg) bezeichnet wurde.
Bezüglich des Theaters führte Lernets Weg vom Expressionismus und lyrischem Drama zur Komödie und zum Boulevardstück. „Ollapotrida“ (1926) bedeutete Lernet-Holenias ersten finanziellen Erfolg. In den fünf darauffolgenden Jahren blieb das Publikum seinen Komödien treu. Die Kritik zeigte sich zurückhaltend, doch diese Werke verschafften dem Autor eine solide materielle Grundlage. Geprägt vom Geist des Lyrischen und des Theaters sind die 1920er-Jahre zugleich jene Zeit, in der Kontakte und Freundschaften entstanden, die dem von Lernet-Holenia bewusst inszenierten Dilettantismus widersprachen. Bedeutende ältere Zeitgenossen wie Stefan Zweig oder Hugo von Hofmannsthal würdigten die Qualität seiner besten Arbeiten. Von 1927 bis zum Zweiten Weltkrieg teilte Lernet-Holenia seine Zeit zwischen Wien und St. Wolfgang, wo seine Mutter seit 1900 ein Haus besaß, das sie ihm später schenkte. In St. Wolfgang war sein Nachbar Stefan Zweig. 1928 verfassten sie gemeinsam, unter dem Pseudonym Clemens Neydisser, die Komödie „Gelegenheit macht Liebe“– ein Werk ohne besonderen literarischen Anspruch, das jedoch der Schauspielerin Paula Wessely ihren ersten großen Erfolg bescherte. Die gegenseitige Wertschätzung der beiden veranlasste Zweig, die Laufbahn Lernet-Holenias nach Kräften zu fördern. Er stellte ihn dem Verleger Herbert Reichner vor, der in Folge drei Werke Lernet-Holenias in seinem Verlag veröffentlichte. Unter seinen Vertrauten befand sich in dieser Zeit auch Carl Zuckmayer, der Lernet-Holenias literarische Entwicklung mit großer Aufmerksamkeit verfolgte. Er hob Lernet-Holenias Fähigkeit hervor, seine Leser unaufhörlich zu überraschen, und seine „zugleich souveräne und demütige Art, mit der Sprache umzugehen“.
Nach einem Jahrzehnt, das dem Lyrischen und dem Theater gewidmet war, waren die 1930er-Jahre die Zeit einer intensiven erzählerischen Produktion, ohne dass Lernet das Schreiben in anderen Gattungen aufgab. Diese Erzählungen erschienen in einer Zeit, in der sich der politische Horizont von Tag zu Tag verfinsterte. Das NS-Regime betrachtete Lernet-Holenia als „dekadenten“ Autor und setzte am 1. Mai 1933 den Roman „Jo und der Herr zu Pferde“ auf die erste „Schwarze Liste“ literarischer Werke, Grundlage für die Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933. Ende Mai 1933 erklärte der renommierte deutsche Dichter Gottfried Benn in einem offenen Brief seine Unterstützung für den Nationalsozialismus und seine Gegnerschaft zu den emigrierten Schriftstellern. Seine Haltung löste unter deutschsprachigen Autoren sowohl einen Sturm der Entrüstung als auch Beifallsbekundungen aus. Zwar hegte Lernet-Holenia für Benn eine lebenslange literarische Hochachtung, teilte ihm jedoch bereits am 27. Mai 1933 in einem ausführlichen Brief seine tiefe Missbilligung über dessen Loyalität zum Nationalsozialismus mit.
1935 richtet die NS-Administration an das Filmkontingentamt in Berlin eine Mitteilung, in der es heißt, dass das Werk Lernet-Holenias „für ein nationalsozialistisches Publikum untragbar“ sei und dass seine Person „aufgrund seiner geistigen Produktionen ebenso zurückzuweisen sei […] als wäre er nicht-arischer Abstammung“. Am Abend des 13. März 1938, dem Tag des Anschlusses, traf sich Lernet-Holenia mit engen Freunden, die vom neuen Regime in verschiedener Hinsicht bedroht waren: Alle –Carl Zuckmayer, Ödön von Horváth, Franz Theodor Csokor, Albrecht Joseph – wählten den Weg ins Exil. Lernet-Holenia selbst ging am 8. Januar 1939 zusammen mit Maria Charlotte („Lotte“) Sweceny an Bord eines Kreuzfahrtschiffes mit Kurs in die Karibik und nach Nordamerika. Aufgrund der vorhandenen Informationen über diese Reise lässt sich nicht zweifelsfrei feststellen, ob es sich hierbei um seinen Versuch handelte, ebenfalls zu emigrieren. Jedenfalls kehrten beide im Frühjahr 1939 nach Europa zurück. Im August wurde Lernet-Holenia für den Polenfeldzug einberufen. Er erhielt am 22. August einen Marschbefehl zu einem zunächst ungenannten Ziel und wurde am 1. September beim Überfall auf Polen eingesetzt. Bereits am folgenden Tag an der rechten Hand verwundet, blieb er aber bis zum Ende der Kämpfe in Polen im Einsatz.
Anschließend versuchte er, einen aktiven Fronturlaub zu erlangen, unter Berufung nicht nur auf seine Verwundung, sondern auch auf angeblich zu erfüllende Schreibverträge. Er wendete sich unter anderem an den Verleger Peter Suhrkamp, der damals für S. Fischer tätig war, seinen Hauptverlag seit den 1920er Jahren, an den Regisseur und Präsidenten der Reichsfilmkammer Carl Froelich, an den Schauspieler Emil Jannings, der bei Goebbels Einfluss hatte. Ausschlaggebend war vor allem die Intervention Jannings, indem er Lernet-Holenia Verträge für Drehbücher mit klangvollen Titeln verschaffte, von denen er niemals eine Zeile schrieb. Schließlich wurde ihm ein Fronturlaub gewährt, der auf Vorlage neuer fiktiver Verträge bis zum Sommer 1941 verlängert wurde.
Kaum nach Wien und St. Wolfgang zurückgekehrt, entstand aus den Notizheften, die er an der Front eifrig geführt hat, in nur zwei Monaten (Dez. 1939 – Febr. 1940) der Roman „Mars im Widder“. Der Text hatte eine bewegte Publikationsgeschichte. Zunächst wurde er als Fortsetzungsroman in der Berliner Wochenzeitschrift „Die Dame“ veröffentlicht (Okt. 1940 – Jan. 1941), dann nach Genehmigung durch das Oberkommando der Wehrmacht bei S. Fischer gedruckt (Febr. 1941 – Apr. 1941). Doch im Juli 1941 verboten sowohl das OKW sowie das Propagandaministerium seine Auslieferung. Die gedruckten Exemplare wurden in den Kellern des Verlags in Leipzig eingelagert und Anfang Dezember 1943 bei einem Bombenangriff durch ein Feuer vernichtet. Dank der Korrekturfahnen, die Lernet-Holenia aufbewahrt hatte, erschien das Werk schließlich nach dem Krieg 1947 in Stockholm bei Bermann-Fischer. Die Wachsamkeit der NS-Zensoren mag eine Zeitlang durch die Liebesgeschichte getäuscht worden sein, die den Vordergrund einzunehmen scheint. Doch im Zentrum der Erzählung steht – wie der Titel andeutet – der Krieg. Der präzise Bericht der militärischen Operationen widerlegt die These einer polnischen Aggression gegen Deutschland und zeigt im Gegenteil ein Polen, das überraschend überfallen wurde: „Es war klar, daß Polen überhaupt noch nicht mobilisiert gehabt hatte…“, heißt es im Text. Die hohe Achtung, die Lernet-Holenia dem Gegner entgegengebrachte, das Mitgefühl für das „unselige, geschlagene, zerschmetterte Polen“ sind offenkundig und verstießen radikal gegen die NS-Doktrin.
Einer der Freunde Lernet-Holenias (wahrscheinlich Alfred Breidbach-Bernau) verschaffte ihm im August 1941, offenbar ohne sein ausdrückliches Einverständnis, einen Posten als Leiter des Entwicklungsstabs der Heeresfilmstelle in Berlin. Dass ein Autor, der „für ein nationalsozialistisches Publikum untragbar“ war und dessen letzter Roman verboten wurde, mit einer solchen Verantwortung betraut wird, erschien höchst merkwürdig, nicht zuletzt für ihn selbst. Er akzeptierte die Entscheidung jedoch, gedrängt von seinen Angehörigen, um die Rückkehr an die Front zu vermeiden. Kaum n Berlin angekommen, versuchte er mehrfach, seine Stellung wieder loszuwerden. Doch bis Januar 1943 führten die verschiedenen Bemühungen zu nichts. Lernet-Holenia entfaltete eine begrenzte Tätigkeit im Filmbereich, arbeitete an einigen Drehbüchern mit, ohne genannt zu werden – mit der bemerkenswerten Ausnahme des Films „Die große Liebe“ (1942), für den er das Sujet lieferte und der mit Zarah Leander in der Hauptrolle der kommerziell erfolgreichste Film des „Dritten Reiches“ wurde.
Zu dieser Zeit verkehrte Lernet-Holenia mit Gottfried Benn, Alfred Kubin und hatte erstmals die Muße, sich ganz zwei Werken zu widmen, die ihm besonders am Herzen lagen: dem Roman „Beide Sizilien“, einem seiner literarisch komplexesten Werke, der 1942 bei Suhrkamp veröffentlicht wurde, und den Gedichten der „Trophäe“, die erst 1946 in kleiner Auflage erschienen.1943 wurde ihm schließlich die Möglichkeit geboten, Berlin und die Heeresfilmstelle zu verlassen. Nach Lernets Biographen Roman Roček geschah dies auf Fürsprache von Jannings und des Vaters von Eva Vollbach, Lernets späteren Ehefrau, die er 1940 kennenlernte und mit der er seit 1941 liiert war. Aufgrund seiner Qualitäten als Drehbuchautor erhielt Lernet-Holenia die Uk.-Stellung, die ihm die Entlassung aus der Wehrmacht ermöglichte. Doch im Frühjahr 1944 wurde er erneut einberufen und sollte binnen 48 Stunden an die ungarische Front verlegt werden. Er machte nur eine Nacht Station in Wien – genug für seinen Freund, Alexander Hartwich, ihm mit einer Injektion, die hohes Fieber auslöste, die Rückkehr an die Front zu ersparen. In das Lazarett von St. Wolfgang beordert, erhielt er dort Unterstützung durch seinen Freund und späteren Justizminister Christian Broda, der seine Genesung mittels falscher Atteste bis zum Ende des Krieges hinauszögerte.
Lernet-Holenias Weg während des Zweiten Weltkriegs, einerseits zensiert, bedroht, an die Front zurückbeordert, andererseits durch die Fürsprache einflussreicher Bekannter dem Fronteinsatz entkommen, folgte einer widersprüchlichen Bahn, die früher Rätsel aufgegeben hat. Die heute verfügbaren Dokumente und der Stand der Forschung belegen jedoch seine völlige Unempfänglichkeit für die nationalsozialistische Ideologie. Die Werke, die unmittelbar nach dem Krieg entstanden, erhellen diesen ungewöhnlichen Werdegang noch stärker.
Im Herbst 1945 heiratete Lernet-Holenia Eva Vollbach in St. Wolfgang. Anfang der fünfziger Jahre ließ sich das Ehepaar in Wien nieder. Der Wiener Wohnsitz Lernet-Holenias war die Hofburg. Heute erinnert eine vom PEN-Club angebrachte Gedenktafel daran, dass Lernet-Holenia dort von 1952 bis zu seinem Tode lebte.
Alexander Lernet-Holenia bei den Salzburger Festspielen 1947
Zwischen 1939 und 1945 hat Lernet-Holenia – mit Ausnahme von „Beide Sizilien“ – nichts Neues veröffentlicht, wohl aber viel geschrieben: Gedichte, kurze Prosatexte und den Roman „Der Graf von Saint-Germain“. 1951 erhielt er den Literaturpreis der Stadt Wien (Preis der Stadt Wien für Dichtkunst).
Aufgrund einer Ende 1945 in der Zeitschrift „Der Turm“, einem Organ des katholischen Konservatismus, erschienenen Erklärung wurde Lernet-Holenia in den Jahrzehnten der Nachkriegszeit häufig ohne Differenzierung dem Lager des kulturellen Konservatismus zugerechnet:
„In der Tat brauchen wir nur dort fortzusetzen, wo uns die Träume eines Irren unterbrochen haben, in der Tat brauchen wir nicht voraus-, sondern nur zurückzublicken. […]. […] Wir sind, im besten und wertvollsten Verstande, unsere Vergangenheit, wir haben uns nur zu besinnen, dass wir unsere Vergangenheit sind – und sie wird zu unserer Zukunft werden.“
Dieses Etikett wird der komplexen Persönlichkeit und der Weltanschauung Lernet-Holenias nicht gerecht. In jener Zeit schickte er ebenfalls Texte an die kommunistische Zeitschrift „Österreichisches Tagebuch“ sowie an die „Arbeiter-Zeitung“, das Organ der Sozialdemokratischen Partei. Er beteiligte sich an den brennendsten Debatten und Kontroversen, äußerte sich insbesondere über das Exil, über die „innere Emigration“ und auch gegen die Atombombe – in Formulierungen, die nichts von ihrer Aktualität eingebüßt haben. Von 1954 bis 1967 wurde er zwar Mitherausgeber der Zeitschrift „Forum“, gegründet von Friedrich Torberg, einem kompromisslosen Antikommunisten, der sich von 1956 bis 1962 stark für den Boykott der Brecht-Stücke auf den Wiener Bühnen einsetzte. Das hinderte Lernet-Holenia jedoch keineswegs daran, im Jahr 1956, unmittelbar nach dem Tode Benns und Brechts, einen Beitrag im „Forum“ zu veröffentlichen, der das dichterische Werk der beiden so grundverschiedenen Autoren würdigte – und sie in jenem für ihn typischen Lob vereint, das dem Artikel seinen Titel gibt: „Zwei deutsche Dichter“.
Alexander Lernet-Holenia beim Schreiben in Wien in den 1960er Jahren
Doch vielleicht mehr noch als seine intensive Tätigkeit als Essayist und Briefschreiber mit scharfer Beobachtungsgabe, waren die in den Jahren 1945–1955 entstandenen Werke von besonderer Bedeutung. Bereits 1946 erregte die „Elegie Germanien“ Aufsehen: Lernet-Holenia, der jede Amnesie ablehnte, die einer politischen und kulturellen Stabilisierung dienlich sein könnte, benannte als einer der Ersten das Problem der kollektiven Verantwortung für das nationalsozialistische Grauen. Er warf dem „Dritten Reich“ vor, selbst den Tod pervertiert zu haben, wodurch der zyklische Lauf der Geschichte für immer blockiert worden sei. Aufgrund ihrer Form wurd die „Elegie Germanien“ teilweise so missverstanden, als richte sie sich nur an die Deutschen. Doch die Romane „Der Graf von Saint-Germain“ (1948) und „Der Graf Luna“ (1955) suchten, entgegen dem damaligen Zeitgeist, die Auseinandersetzung mit der spezifisch österreichischen Variante individueller und kollektiver Verdrängung eigener Mitschuld an den während des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen.
In „Der Graf Luna“ steht ein Österreicher adliger Herkunft im Zentrum, dessen „Nachlässigkeit“ indirekt den Tod eines Mannes in einem Konzentrationslager verursacht hatte. Lernet-Holenias Biograph Roček ist der Ansicht, dass dieser Roman schonungsloseste Abrechnung mit dem Nationalsozialismus ist. Um seine Bedeutung zu ermessen, muss man sich vergegenwärtigen, dass er Anfang April 1955 erschien – eineinhalb Monate vor der Unterzeichnung des Staatsvertrags in Wien, der Österreich die Souveränität zurückgab und seine Neutralität festschrieb. Deshalb bemühten sich die politischen Instanzen jener Zeit, die politische, soziale und wirtschaftliche Stabilität zu festigen, die auf die moralischen und materiellen Verwerfungen der unmittelbaren Nachkriegszeit gefolgt war. „Der Graf Luna“, ebenso wie „Der Graf von Saint-Germain“, stellten sich ausdrücklich gegen diese „Opferthese“, die bis in die 1980er Jahre die offizielle Position Österreichs bleiben sollte.
1954 scheiterte der damalige Unterrichtsminister Ernst Kolb mit dem Vorschlag, Lernet-Holenia zum Direktor des Burgtheaters zu ernennen. Die öffentlichen Widerstände gegen Lernets Bestallung entzündeten sich unter anderem an Lernets gelegentlichen Veröffentlichungen im kommunistischen „Wiener Tagebuch“ und an damals gegen ihn laufenden – letztlich ergebnislosen – Finanzstrafverfahren. Die literarische Produktivität Lernet-Holenias ließ weiterhin nicht nach: neue Romane, zahlreiche kurze Erzählungen, sowie die Biographien von Prinz Eugen (1960) und Naundorff (1961) erschienen. Über ein Jahrzehnt hinweg (1957–1968) erhielt Lernet-Holenia noch zahlreiche Preise und Auszeichnungen.[57]
Doch ab der Wende zu den sechziger Jahren drängen sich Räsonnements, die die Unwürdigkeit der letzten Mitglieder des österreichischen Kaiserhauses belegen sollen, immer stärker in seine Texte. Diese identitäre Verortung vermischt unaufhörlich Familiengenealogie und Geschichte. Die genealogischen Obsessionen sprengen das Gefüge der Erzählungen, das seine konstitutiven Elemente nicht mehr zu verbinden vermag. Die Kritik, wenig schmeichelhaft, kam bisweilen zu dem Schluss, Lernet-Holenia parodiere sich selbst. Parallel dazu wurden öffentliche Ausfälligkeiten Lernet-Holenias berühmter als seine Schriften. Neben kultivierter Höflichkeit war der „Grandseigneur der Literatur“ zu denkwürdigen Wutausbrüchen fähig. Die Presse berichtete daher weniger über ihn auf ihren Literaturseiten als in Klatschkolumnen und Gerichtsreportagen. Lernet-Holenias kämpferischer Eifer richtete sich unterschiedslos gegen Verwaltungsbehörden, Politiker, die Presse und seine Standesgenossen der feinen Gesellschaft.
Grab von Aexander Lernet-Holenia am Friedhof Hietzing
In der Politik entzog sich Lernet-Holenia ebenso allen Etiketten: er unterstützte die sozialistische Kandidatur von Franz Jonas für das Präsidentenamt, griff jedoch gleichzeitig die SPÖ in den Spalten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Beim offiziellen Diner am 23. Oktober 1972 anlässlich des 75. Geburtstags von Lernet-Holenia hielt Bruno Kreisky eine bemerksenswerte Laudatio, in der er „den großen Schriftsteller, den großen Österreicher und die starke Persönlichkeit, deren Meinungen man oft nur schwer teilen kann“, feierte. Im Januar 1969 willigte er widerwillig ein, Franz Theodor Csokor, der eben verstorben war, an der Spitze des österreichischen PEN-Clubs nachzufolgen.
Am 19. Oktober 1972 trat er lautstark von der Leitung des österreichischen PEN-Clubs zurück und verließ zugleich die Vereinigung – aus Protest gegen die Verleihung des Literaturnobelpreises an Heinrich Böll, den damaligen Präsidenten des Internationalen PEN-Clubs, dem er Sympathien für die Rote Armee Fraktion vorwarf. Lernet-Holenia erklärte gegenüber der Presse, er missbillige gleichermaßen die Entscheidung des Nobelkomitees wie auch die Haltung Bölls, die die literarischen Institutionen in eine politische Tribüne verwandelt hätten. Trotz seines Zerwürfnisses mit dem PEN-Club wurde Lernet-Holenia im Sommer 1976, sehr kurz vor seinem Tod, erneut aufgenommen – diesmal als Ehrenmitglied.
Lernet-Holenia starb am 3. Juli 1976 in Wien an Lungenkrebs. Er ruht auf dem Friedhof Hietzing, in einem Ehrengrab der Stadt Wien (Gruppe 30, Nummer 23).
Zu seinen Lebzeiten war Lernet-Holenia nicht zuletzt wegen seines Hanges zu polemischer Zeitkritik heftig umstritten. Gleichwohl wurden seine Werke wegen ihres eleganten Stils und außergewöhnlichen Erzählkunst viel gelesen. Stefan Zweig beschrieb Lernet-Holenia in einem Brief an den Komponisten Richard Strauss als „ein[en] geheimnisvolle[n] Mensch[en] als Dichter, ganz groß in seinen Gedichten und einigen seiner dramatischen Szenen, dann wieder unglaublich lässig, wenn er mit der linken Hand und aus Geldverdienerei Komödien oder seichte Romane schreibt, die dann gar keine Tiefe, aber immer noch Grazie haben. Eine Arbeit mit Ihnen, dachte ich mir, könnte ihn zur höchsten Produktivität reizen, denn wenn in ihm das Feurige erwacht, ist er nach meinem Empfinden großartiger als alle andern.“ In jüngerer Zeit gelangten auch die Motive und die phantastischen Elemente seiner Werke in den Blick der Literaturwissenschaft. Beispielhaft für die jüngere Rezeptionsgeschichte ist folgende Beurteilung:
„Es wäre wohl nicht verfehlt, Lernet-Holenia […] als den wichtigsten österreichischen Erzähler des Phantastischen, neben Perutz, dessen letzten Roman er herausgab, anzusehen.“
Auszeichnungen
1926: Kleist-Preis
1951: Preis der Stadt Wien für Literatur
1958: Großes Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland
1961: Großer Österreichischer Staatspreis für Literatur
1967: Adalbert-Stifter-Preis
1967: Ehrenmedaille der Bundeshauptstadt Wien in Gold. (Übernommen am 14. Dezember)
1968: Österreichisches Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst(11. März)
1999: Am 24. September wurde ein 900 m² großer Park in Wien Dornbach, Alszeile/Himmelmutterweg, nach ihm benannt. Die feierliche Namensgebung führte die Internationale Alexander-Lernet-Holenia-Gesellschaft durch.