Dorothee Sölle
Dorothee Steffensky-Sölle, geboren am 30.9.1929 in Köln, gestorben am 27.4.2003 in Göppingen, war eine feministische deutsche evangelische Theologin und Dichterin. Eine Anerkennung im Wissenschaftsbetrieb blieb ihr weitgehend versagt. Als theologische Schriftstellerin und Rednerin war sie weltweit bekannt. Sölle gehörte zu den profiliertesten Vertretern eines „anderen Protestantismus“. Sie übte Kritik an der Allmachtsvorstellung über Gott und versuchte in ihren Schriften, alltägliche Lebenserfahrungen – insbesondere des Leidens, der Armut, der Benachteiligung und Unterdrückung – mit theologischen Inhalten zu verknüpfen. Politisch war sie in der Friedens-, Frauen- und Umweltbewegung engagiert.
Dorothee Sölle studierte ab 1949 Theologie, Philosophie und Literaturwissenschaft in Köln, Freiburg und Göttingen. 1954 machte sie ihr Staatsexamen und promovierte mit der Dissertation „Untersuchungen zur Struktur der Nachtwachen von Bonaventura“ zum Dr. phil. Im Jahre 1971 habilitierte sie sich mit dem Thema „Realisation, Studien zum Verhältnis von Theologie und Dichtung“ an der Philosophischen Fakultät der Universität Köln. Ein Lehrstuhl blieb ihr in Deutschland jedoch verwehrt. Erst 1994 erhielt sie eine Ehrenprofessur an der Universität Hamburg.
1954–1960 arbeitete sie als Lehrerin im höheren Schuldienst in Köln. Seit 1960 war sie auch als Schriftstellerin und freie Mitarbeiterin beim Rundfunk tätig. 1962–1964 war sie wissenschaftliche Assistentin am Philosophischen Institut der TH Aachen und 1964–1967 als Studienrätin im Hochschuldienst am Germanistischen Institut der Universität Köln beschäftigt. Nach der Habilitation 1971 arbeitete sie in Köln als Privatdozentin für Neuere deutsche Literaturgeschichte. Von 1975 bis 1987 lehrte sie auf einer Professur für systematische Theologie am Union Theological Seminary in New York. Zu einer bestimmenden Lebenserfahrung wurde ihre Reise nach Nordvietnam im November 1972. 1984 besuchte sie auf Einladung der Sandinistischen Bewegung Nicaragua und beobachtete mit der amerikanischen Friedensgruppe „Witness for Peace“ den Verlauf der Wahlen. Ihr Einsatz für Frieden, Gerechtigkeit und Fortschritt in Vietnam und später in Nicaragua fußte auf Reisen nach Asien und Lateinamerika, wo sie sich selber ein Bild über die bestehenden Verhältnisse machte und für Veränderungen eintrat.
Sölle wirkte in der Friedensbewegung und in zahlreichen kirchlichen linken und ökumenischen Organisationen mit. Sie war Mitbegründerin des so genannten Politischen Nachtgebets von 1968 bis 1972 in der Antoniterkirche in Köln. 1968 war sie eine der Gründerinnen der Kölner Journalistenschule. Wegen Sitzblockaden vor dem NATO-Mittelstreckenraketendepot auf der Mutlanger Heide oder dem Giftgasdepot in Fischbach wurde sie wegen versuchter Nötigung verurteilt. Diese Urteile wurden zum Teil später höchstrichterlich aufgehoben. Ihre für die Landeskirchen provokante Theologie und ihr engagiertes Eintreten für soziale Gerechtigkeit sorgten auch in nichtkirchlichen Kreisen oft für Kontroversen. Ein halbes Jahr vor ihrem Tod, am 26. Oktober 2002, hielt sie die Rede zur Friedensdemonstration in Hamburg. Sie starb mit 73 Jahren an den Folgen eines Herzinfarkts, den sie in der Evangelischen Akademie Bad Boll erlitten hatte. Ihr Grab befindet sich auf dem Friedhof Nienstedten in Hamburg. Die Grabinschrift lautet: „In deinem Licht sehen wir das Licht“.
Werk
Sölle veröffentlichte 38 Bücher und Gedichtbände über religiöse und politische Themen. Ihr poetisches Werk ist zwischen 1969 und 2000 in sieben Ausgaben erschienen. Vor allem ihre Erinnerungen „Gegenwind“ aus dem Jahre 1995 und ihre als Hauptwerk eingestufte Schrift „Mystik und Widerstand: du stilles Geschrei“ aus dem Jahre 1997 fanden große Beachtung. 1982 erhielt sie für ihre Gedichte den Droste-Preis der Stadt Meersburg. Religion verstand Sölle nicht als etwas Abstraktes, Jenseitiges, sondern als etwas Konkretes, Diesseitiges und nicht zuletzt auch Politisches.
Lehre
1969 bekannte sie sich in einem Fernsehinterview mit Günter Gaus zu einem „christlichen Atheismus“ und bestritt, dass Menschen in ihrer Zeit noch persönliche, direkte Gotteserlebnisse haben könnten.
Ihr Glaube war nach eigenen Aussagen geprägt von dem Bewusstsein, nach Auschwitz zu leben. In einem Vortrag vor dem Ökumenischen Rat der Kirchen in Vancouver machte sie 1983 folgende Äußerung:
„Ich spreche zu Ihnen als eine Frau, die aus einem der reichsten Länder der Welt kommt; einem Land mit einer blutigen, nach Gas stinkenden Geschichte… Reich ist die Welt, in der ich lebe, vor allem an Tod und besseren Möglichkeiten zu töten.“
In ihr werde Kindern nichts als Konsum-Sand geboten. In scharfem Kontrast bezeichnete sie westliche Länder als verödete Zentren der Kultur und die Dritte Welt als ein Dauer-Auschwitz.
Die Lehre von der Allmacht Gottes wurde so für sie zum Gegenstand kritischen Nachdenkens. Sie war der Meinung, dass Gottes Wirken in dieser Welt abhängig ist von unserem Handeln, Gott habe keine anderen Hände als unsere. Kern ihrer Gott-ist-tot-Theologie war der Abschied von einer „Papa-wird’s-schon-richten-Theologie“. Sölle vertrat eine politische Theologie, die sich durch eine radikale Diesseitigkeit und eine Entmythologisierung der Bibel auszeichnete. In ihrem Buch „Gegenwind“ von 1995) schrieb sie:
„Theologisches Nachdenken ohne politische Konsequenzen kommt einer Heuchelei gleich. Jeder theologische Satz muss auch ein politischer sein.“
Weiterhin bestimmend war eine durch den Feminismus geprägte Mystik, die ohne die Vorstellung eines persönlichen Gottes auskam. Viele Ideen Sölles waren von der Befreiungstheologie Lateinamerikas inspiriert sowie durch die Bücher „Das Prinzip Hoffnung“ (1959) und „Atheismus im Christentum“ (1968) des Philosophen Ernst Bloch.
Ihre Kernüberzeugungen brachte sie in ihrem Glaubensbekenntnis zum Ausdruck: „ich glaube an Gott, der die Welt nicht fertig geschaffen hat (...) ich glaube an Gott, der den Widerspruch des Lebendigen will und die Veränderung aller Zustände (...)“
Die Theologin Antje Vollmer bezeugt, die Natur und die Musik habe Sölle als die einzigen Gottesbeweise betrachtet. Von dieser Grundvorstellung habe sie gelebt.
Kritische Würdigung
Bei der Trauerfeier in der Hamburger St.-Katharinen-Kirche würdigte ihre Freundin, die Lübecker Bischöfin Bärbel Wartenberg-Potter, Dorothee Sölles prophetische und poetische Stimme. Die biblische Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde sei eines ihrer Lebensthemen gewesen. Sie habe versucht, eine neue Sprache für das Sprechen mit Gott zu finden und alte Gottesbilder – zum Beispiel das eines Herrschers – zu demontieren. Dass sie an deutschen Universitäten nicht akzeptiert worden sei, bewertete Wartenberg-Potter als eine der bemerkenswertesten Torheiten der Kirchengeschichte der Nachkriegszeit.
Die Hannoversche Bischöfin Margot Käßmann hob in einem Interview zum Tod Dorothee Sölles die Bedeutung ihrer Provokationen für die Entwicklung der evangelischen Kirche hervor. Ihre Rede vom Tod Gottes habe Menschen zum eigenständigen Nachdenken über Gott angeregt. Eine Berufung auf das Richtige und Ausgewogenheit habe sie geärgert und dazu gebracht, auch ziemlich steile Thesen beispielsweise zur Frage Arm und Reich, die dritte Welt und „unsere reiche Kirche“, anzubringen, die unbequem sind in einer Kirche, aber „ich würde sagen, ihr gut tun“. In ihrem großen theologischen Werk habe sie zentral zur Verbreitung feministischer Theologie beigetragen und die Mystik neu geöffnet für viele Protestanten. Als das Schönste, was bleibt, hob Käßmann ihre Poesie hervor. Ihre liebevolle Seite sei in den Auseinandersetzungen viel zu wenig wahrgenommen worden.
Seit 2011 vergibt das ökumenische Netzwerk „Initiative Kirche von unten“ den Dorothee Sölle-Preis für aufrechten Gang in unregelmäßigen Abständen.
Auszeichnungen
1974: Theodor-Heuss-Medaille
1982: Droste-Preis der Stadt Meersburg für Lyrik mit Maria Menz
1996: Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung
Ihr wurde in Hamburg ein Frauenort gewidmet.[22]
Werke
1965: Stellvertretung. Ein Kapitel Theologie nach dem „Tode Gottes“.
1967: Die Wahrheit ist konkret. Walter, Olten / Freiburg.
1968: Atheistisch an Gott glauben. Beiträge zur Theologie.
1968: Phantasie und Gehorsam. Überlegungen zu einer künftigen christlichen Ethik
1969: Meditationen & Gebrauchstexte. Gedichte.
1969: Politisches Nachtgebet in Köln 1. Herausgegeben von Dorothee Sölle und Fulbert Steffensky. 1971 Das Recht ein anderer zu werden.
1971: Politische Theologie. Auseinandersetzung mit Rudolf Bultmann.
1973: Leiden.
1974: Die revolutionäre Geduld. Gedichte (= schritte. 26).
1975: Die Hinreise. Zur religiösen Erfahrung.
1978: Sympathie. Theologisch-politische Traktate.
1979: Fliegen lernen. Gedichte.
1980: Wählt das Leben.
1981: Spiel doch von Brot und Rosen. Gedichte.
1982: Aufrüstung tötet auch ohne Krieg
1984: Verrückt nach Licht. Gedichte.
1985: Lieben und arbeiten. Eine Theologie der Schöpfung.
1986: „Ein Volk ohne Vision geht zugrunde.“ Anmerkungen zur deutschen Gegenwart und zur nationalen Identität.
1987: Das Fenster der Verwundbarkeit. Theologisch-politische Texte.
1987: Und ist noch nicht erschienen, was wir sein werden. Stationen feministischer TheologiE
1990: Zivil und ungehorsam. Gedichte.
1990: Gott denken. Einführung in die Theologie.
1992: Gott im Müll. Eine andere Entdeckung Lateinamerikas
1992: Es muss doch mehr als alles geben. Nachdenken über Gott.
1993: Mutanfälle. Texte zum Umdenken.
1994: Träume mich Gott. Geistliche Texte mit lästigen politischen Fragen.
1995: Gegenwind. Erinnerungen.
1995: Gewalt – Ich soll mich nicht gewöhnen
1996: Das Eis der Seele spalten. Theologie und Literatur in sprachloser Zeit.
1997: Mystik und Widerstand - „Du stilles Geschrei“.
2000: Loben ohne Lügen. Gedichte.
2005: Maria. Eine Begegnung mit der Muttergottes.