Vedische Lyrik

Mit Rigveda bezeichnet man eine von dichterisch inspirierten Sehern (kavi) Indiens verfaßte Hymnensammlung. Diese auch mit priesterlichen Funktionen ausgestatteten Dichter begleiteten indoarische Stämme, die im 2. Jahrtausend vor Christus aus den Steppen östlich des Urals in den äußersten Nordwesten des indischen Subkontinents vordrangen und zusammen mit ihrer Sprache auch ihre heiligen Lieder mitbrachten. Ihr sakrales Liedgut hat mancherlei Spuren der vorausliegenden Sprach- und Kulturepochen bis hin zu noch ferneren aus indogermanischer Vorzeit bewahrt.
In gebundener Sprache verfaßt, liegen diese Hymnen dem Werk Homers gut tausend Jahre voraus. In der literarischen Gestalt seiner bronzezeitlichen Lyrik überliefert der Rigveda die älteste metrische Poesie der indogermanischen Sprachfamilie und dürfte mit großer Wahrscheinlichkeit auch die älteste in dieser Form erhalten gebliebene Lyrik der Welt sein.
Ihre Sprache ist das sogenannte Vedisch, ein archaisches Altindisch (Sanskrit), das sich sein hohes Alter mit anderen, längst ausgestorbenen indogermanischen Sprachen wie etwa dem Hethitischen, Altpersischen oder auch dem erheblich jüngeren Altgriechischen teilt. Mehrheitlich zur Verherrlichung von Göttern und göttlichen Mächten geschaffen und als eine Art psalmodierender Begleitung zu rituellen Handlungen herangezogen, enthält diese Sammlung jedoch auch einen beträchtlichen Anteil an hochpoetischer Lyrik, die keine vordergründig religiösen Zwecke erkennen läßt.
In Anlehnung an die Zahl von dreiunddreißig vedischen Göttern wurden vorliegend dreiunddreißig Lieder ausgewählt. Sie sind, umgelegt auf den Inhalt aller 1028 Hymnen des Rigveda, insofern atypisch, als ihr Charakter nicht überwiegend im Kontext der vedischen Ritualistik zu verorten ist. Es handelt sich um Thematiken, die einen tiefen, stellenweise wohl auch überraschend modern anmutenden Einblick in den Alltag, in die Freuden, Hoffnungen und Ängste der Menschen der vedischen Völker im indischen Fünfstromland (Pandschab) gewähren und die ihren sprachlichen Ausdruck in dem finden, wofür sich am besten die Bezeichnung weltliche Lyrik eignet.

Die hier eingesprochenen deutschen Übersetzungen entstammen der von einem Stellenkommentar begleiteten, im Druck befindlichen Ausgabe mit dem Titel:

Wo unter schönbelaubtem Baume Yama mit den Göttern zecht. Zweisprachige Proben vedischer Lyrik. Von Walter Slaje. Marburg 2018 [Indologica Marpurgensia].