Jüngste Moderne ab 1945

Die vorerst letzte große Zäsur in der deutschen Geschichte, wahrscheinlich auch der größte Einschnitt in der deutschen Kultur seit 1000 Jahren, war die Stunde Null am 8. Mai 1945, nach den ‚1000 Jahren’ des Dritten Reiches. Und diese Nachkriegszeit ist auch die letzte Epoche meiner AudioAnthologie. Sie führt mittenhinein in die Gegenwart, sie umfasst ungefähr die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts und - welche Koinzidenz! -  sie umfasst auch mein Leben, denn ich kam am 15. Mai 1945 zur Welt: also eine Woche nach der bedingungslosen Kapitulation, der deutschen Niederlage wie der Befreiung - in eine zutiefst zerrissene Zeit. Und darum will ich hier als Zeitzeuge dieser letzten Epoche meiner AudioAnthologie eine durchaus persönlich gefärbte Auswahl der Jüngsten Moderne präsentieren.

Ich war natürlich nicht persönlich dabei, als sich die „Gruppe 47“ konstituierte, die erste organisierte Zusammenkunft deutscher Literaten nach dem politischen Zusammenbruch, der ja auch der Bankrott einer Kulturnation war. Ich war mit meinen zarten zwei Lenzen im verwüsteten Berlin mit dem Überleben beschäftigt. Die ersten literarischen Versuche, gegen das namenlose Entsetzen und die unaussprechliche Schande der Vergangenheit eine neue Orientierung, einen Neuanfang zu wagen, waren geprägt von den Erfahrungen des Krieges, der Barbarei und der Zerstörung, waren verstörte, von Verstummen bedrohte, tastende Versuche, das unaussprechlich Namenlose doch mit Worten zu benennen. Adornos Diktum von 1951, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben sei barbarisch, wurde von vielen Lyrikern wie ein Verdikt empfunden und leidenschaftlich diskutiert. Die sog. Trümmer- oder auch Kahlschlagliteratur der Kriegsheimkehrer wie Wolfgang Borchert und Heinrich Böll kreiste um das zentrale Thema, um das zentrale Trauma Deutschlands. Nicht zufällig wurde Thornton Wilders Drama „Wir sind noch einmal davongekommen“ eines der meistgespielten Stücke auf deutschen Bühnen nach dem Krieg. Günter Eich, Hans Magnus Enzensberger, Walter Jens, Hans Werner Richter gehörten neben vielen anderen zu der sich etablierenden linken Literaturszene in der BRD, die, ausgehend von der Abrechnung mit der Nazi-Zeit, scharfe Kritik an restaurativen Tendenzen in Politik und Gesellschaft der 50er und 60er Jahre übte.

Andere, für die Namen wie Wiechert, Benn, Bergengruen, Jünger, Carossa, Hesse stehen, waren humanistisch-bürgerlichen, auch nationalen Traditionen verpflichtet. Mit der Teilung Deutschlands geriet auch die Literatur in den Ost-West-Konflikt. Es entbehrt nicht einer gewissen Tragik, wie gerade manche derjenigen Dichter, die die DDR als das „bessere Deutschland“ ansahen und ganz bewusst zu ihrem (Wohn-) Ort gemacht hatten, im Laufe ihres künstlerischen wie politischen Engagements mit den stalinistischen Strukturen des real existierenden Sozialismus in Konflikt gerieten - und so nicht selten zwischen alle Stühle. Brecht, Huchel, Hacks, Müller, Biermann, Lange stießen als nonkonformistische, unabhängige Intellektuelle immer wieder auf Unverständnis, Ablehnung, Repressionen durch die autoritär-bornierte Kulturbürokratie der DDR und reagierten auf unterschiedliche Weise mit Widerstand oder Anpassung.

Und wie zu erwarten, gerieten diejenigen, deren Einigkeit sich auf den gemeinsamen Antifaschismus beschränkte, auch untereinander in grundlegenden politischen Fragen in Konflikte. Kristallisationspunkte der teilweise erbitterten Auseinandersetzungen waren die Aufstände vom 17. Juni 1953 in der DDR und 1956 in Ungarn, der Bau der Berliner Mauer 1961, die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968, die Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR 1976 und die Verhängung des Kriegsrechts in Polen 1981.

Stellvertretend für viele beschädigte Biografien möchte ich hier zum Schluss Paul Celan nennen. Er stammte wie auch Rose Ausländer, Selma Meerbaum-Eisinger und viele andere aus dem von den Nationalsozialisten ausgelöschten osteuropäisch-jiddischen Kulturraum. Sein Gedicht „Todesfuge“ wurde, als er es 1952 auf Einladung der „Gruppe 47“ vortrug, abgelehnt, sein an jüdisch-rumänischer Tradition orientierter pathetisch-singender Vortrag verlacht. Der physischen Vernichtung  nur mühsam entronnen, gelang es ihm nach dem Krieg nicht, die Schatten der Vergangenheit zu überwinden. Von Depressionen verfolgt, setzte er seinem Leben 1970 selbst ein Ende. Doch die „Todesfuge“ wurde in einem jahrzehntelangen, kontroversen Rezeptionsprozess in ihrer Bedeutung als legitime Neuschöpfung der klassischen Nänie, als gültige Totenklage angesichts des größten Kollektivverbrechens der Menschheit anerkannt, und -  über den deutschen Sprachraum hinaus in viele Sprachen übersetzt - zu Paul Celans Vermächtnis, mit dem Adornos Diktum als aufgehoben gelten kann.

Die vorgestellten Daten und Jahreszahlen markieren als historische Wegmarken auch meinen eigenen Lebensweg und haben ihn beeinflusst und mitgeprägt. Aus dieser Betroffenheit resultiert meine Gedichtauswahl. Und mit diesem Abriss der Jüngsten Moderne beschließe ich die Präsentation der literarischen Epochen. Nicht jedoch meine Arbeit an ihrer fortlaufenden Erweiterung und Ergänzung. Heute, im Frühjahr 2011, umfasst meine AudioAnthologie 250 Gedichte. Ich habe mir 500 zum Ziel gesetzt, bis auch meine Stimme verstummt . . .

Nachsatz im Frühjahr 2013:
Mit unerwarteter Geschwindigkeit hat sich meine AudioAnthologie in nur zwei Jahren mehr als verdoppelt, so umfasst sie nun kurz vor Pfingsten 560 von mir gesprochene Gedichte. Diese schöne Entwicklung ist nicht zuletzt auf das erheblich gewachsene Interesse zurückzuführen, das mir und meiner Arbeit entgegengebracht wird und das mich motiviert, ja beflügelt. So habe ich mein Ziel mittlerweile höher gesteckt - 700 Gedichte, vielleicht sogar noch mehr, je nachdem, wieviel Kraft, wieviel Zeit mir noch bleibt. Ich bin optimistisch ...

Nachsatz im Frühjahr 2014:
In nur drei Jahren hat sich meine AudioAnthologie fast verdreifacht, mittlerweile über 700 Gedichte, das finde ich wunderbar ...