Die Vielen

Fritz Stavenhagen

Ihr, die ihr gestern geschrien habt ja
Und die ihr heute ebenso schreit
Ihr, die ihr den Wechsel der Zeit überdauernd
Einem immer geblieben treu: euch selbst

Ihr, die ihr jeden Tag neu den Wind prüft
Und euer Mäntelchen dreinhängt
Die ihr euch nie den Mund verbranntet
Weil niemals ihr etwas zu sagen hattet

Ihr, die ihr die vielen seid
Wer gab euch die Kraft, so beständig durchzuhalten
So unerschütterlich immer dafür zu sein
Ohne Weichen und Wanken

Wie kommt's, dass ihr niemals den leisesten
Stich nur der Reue gefühlt
Beim Rückblick und saht nichts als Scherben
Wie ist es denn möglich, dass nie ihr
Euch selbst an die Brust schlugt und weintet
In blindem Schmerz: Pater peccavi

Wie segnete Gott euch, wenn es ihn gibt
Doch kann es ihn geben und euch auch
Als er euch verlieh jenes kurze Gedächtnis,
Das Rückschau auf gestern nicht zulässt
Mein Junge, du hast in der Zeit nicht gelebt
Das war nie, und wenn, war es anders

So groß eure Kehlen, so klein euer Herz
So groß eure Stiefel, so klein eure Hirne
Und Scham über das, was geschah
Ihr kennt sie nicht

Warum seid ihr die vielen
Warum seid ihr nicht mehr
Warum seid ihr nicht alle und jeder
Warum bin ich nicht ihr
Warum mach ich's mir schwer
Und leb nicht das Leben bequemer

Nachsatz:
Wie werdet ihr sterben?
Im Bett, sanft und ohne Erinnerung - und werdet ihr je sterben?

                                                                                             Berlin 1967

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Die Vielen [Stavenhagen-01]

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