Ich hab' in kalten Wintertagen

Gottfried Keller

Aufnahme 2005

Ich hab’ in kalten Wintertagen,
In dunkler, hoffnungsarmer Zeit
Ganz aus dem Sinne dich geschlagen,
O Trugbild der Unsterblichkeit!

Nun, da der Sommer glüht und glänzet,
Nun seh’ ich, daß ich wohl getan;
Ich habe neu das Herz umkränzet,
Im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,
Er rinnt mir kühlend durch die Hand;
Ich schau’ hinauf zum blauen Dome -
Und such’ kein beßres Vaterland.

Nun erst versteh’ ich, die da blühet,
O Lilie, deinen stillen Gruß,
Ich weiß, wie hell die Flamme glühet,
Daß ich gleich dir vergehen muß!

Ursprünglicher von Keller gestrichener Schluss:

Nun erst versteh' ich die da blühet
oh Lilie, deinen stillen Gruß.
Ich weiß, wie sehr das Herz auch glühet,
daß du wie ich vergehen muß.

Seid mir gegrüßt, ihr holden Rosen
in eures Daseins flüchtgem Glück.
Ich wende mich vom Schrankenlosen
zu eurer Anmut froh zurück.

Zu glühn, zu blühn und ganz zu leben,
das lehrt mich euer Duft und Schein.
Und willig mich dann hinzugeben,
dem ewgen Nimmerwiedersein.