Zur Zeit der Nachgeborenen

Erich Fried

Aufnahme 2018

 

25 Jahre nach Brechts Tod

»Dabei wissen wir doch«
hast du gesagt
»Auch der Haß gegen die Niedrigkeit
Verzerrt die Züge.
Auch der Zorn über das Unrecht
Macht die Stimme heiser. Ach, wir
Die wir den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit
Konnten selber nicht freundlich sein«

Das hast du gesagt zu den Nachgeborenen.
Nun schweigst du. Und der Zorn über das Unrecht
macht die Stimmen einiger immer noch heiser.
Die meisten aber sind heute nicht einmal zornig
sondern haben sich gewöhnt an das alte und neue Unrecht
hier, da und dort, und auch an das strenge Recht
das die Ungerechten einander sprechen

Und die, denen der Haß gegen die Niedrigkeit die Züge
verzerrt hat, sitzen dort und da hinter Mauern daß
keiner sie sehen kann, denn die Niedrigkeit hat in
vielerlei Ländern als Obrigkeit Hoheitsrechte und die
Unteren ducken sich oder sind so enttäuscht von
fehlgeschlagenen Versuchen, sich zu befreien daß sie
vielleicht keine Kraft mehr haben zu hassen Und
manche halten das für Freundlichkeit

»Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten«
hast du gesagt.
Die Zeiten sind anders geworden, aber im ganzen
sind sie nicht heller geworden seit deinen Versen
und die Gefahr ist größer als damals
denn nur die Waffen
und nicht die von ihnen geführten Menschen sind stärker
geworden
und es stimmt auch noch, was du von ihnen gesagt hast:
»Nachzudenken, woher sie kommen und
Wohin sie gehen, sind sie
An den schönen Abenden
Zu erschöpft.«

Und weil das alles noch stimmt, können dich heute
die Nachgeborenen leicht verstehen, ja, besser
als dir lieb wäre, obwohl doch gerade du
gerne verständlich warst, aber ich glaube
du hast vielleicht bis zuletzt gehofft, daß sich vieles
verändern wird, so daß der Mensch einer neuen Zeit
dich nicht verstehen kann, ohne die alte Zeit zu studieren

Aber weil man dich noch versteht
können einige von dir lernen
wie man die Hoffnung am Leben erhält und gleich dir
mit List und Geduld und Empörung weiter den Boden bereitet
für Freundlichkeit
daß der Mensch dem Menschen ein Helfer sei

Mein persönlicher Nachsatz
30 Jahre nach Erich Frieds Tod, 62 nach dem von Bert Brecht, spreche ich, mittlerweile älter geworden als sie, Angehöriger der zweiten Generation der Nachgeborenen, die Zeilen der großen toten Dichter. Ja, es stimmt, ich kann Brechts Zeilen, gerichtet an die Nachgeborenen, also auch an mich, immer noch gut verstehen, denn sie haben bis heute nichts von ihrer beklemmenden Bedeutung eingebüßt. Immer noch nicht! Und so lebe ich wie viele meiner Zeitgenossen gespalten zwischen Trauer und Hoffnung. Und mit tiefer Sehnsucht nach Sinn ...