Die Ballade vom Misstrauen

Erich Kästner

                                                                                              Aufnahme 2017

Plötzlich fühlte er: „Ich muss hinüber.“
Und er fuhr fünf Stunden und stieg aus.
Daraufhin lief er durch viele Straßen.
Denn er hatte Furcht vor ihrem Haus.

Gegen Abend nahm er sich zusammen.
Doch in ihren Fenstern war kein Licht.
Wartend stand er auf der dunklen Straße.
Und der Mond versank im Landgericht.

Später hielt ein Taxi vor der Türe.
Und er dachte sich: „Das wird sie sein.“
Und sie war's! Mit irgend einem Manne
trat sie hastig in das Haus hinein.

Wieder stand er auf der leeren Straße.
Und die Zimmer oben wurden hell.
Schatten bogen sich auf den Gardinen.
Aus entfernten Gärten klang Gebell.

Während sich die Stunden überholten,
rauchte er und saß auf einer Bank.
Gegen Morgen fing es an zu regnen.
Trotzdem wurde ihm die Zeit nicht lang.

Als es tagte, zerrte er die Briefe,
die sie ihm geschrieben hatte, vor.
Und er las, wie innig sie ihn liebe ...
Und er nickte zu dem Haus empor.

Sechs Uhr früh trat der Herr Stellvertreter
aus der Tür und ging und pfiff ein Lied.
Und der Mann, der auf der Bank saß, dachte
tief beschämt: „Wenn man mich nur nicht sieht.“

Oben öffnete die Frau die Fenster,
trat auf den Balkon und gähnte sehr.
Da erhob er sich und ging zum Bahnhof.
Sie erschrak und starrte hinterher.