Frau Großhennig schreibt an ihren Sohn

Erich Kästner

                                                                                              Aufnahme 2016

Mein lieber Junge! Das war natürlich sehr schade,
dass Du zu meinem Geburtstag nicht kamst. Und nur schriebst.
Die Nelken waren sehr schön. Und Bratwurst hatten wir grade.
Weil ich doch hoffte, Du kämst. Und Du doch Bratwurst so liebst.

Tante Isolde hat mir eine Lackledertasche geschenkt.
Nur Vater hatte es gänzlich vergessen.
Ich war erst traurig. Wo er doch sonst stets an alles denkt.
Aber es gab viel zu tun, mit dem Kaffee, und dann mit dem Abendessen.

Und wie geht es Dir sonst und bist Du den trockenen Husten los?
Das macht mir Sorgen mein Kind. Und das darf man nicht hängenlassen.
Nächstens schick ich Dir Umlegekragen. Waren die letzten zu groß?
Ja wenn Du zu Hause wärst dann würden die Kragen schon passen.

Ach Krauses älteste Tochter hat kürzlich ein Kind gekriegt!
Wer der Vater ist weiß kein Mensch. Und sie soll es selber nicht wissen.
Ob denn das wirklich nur bloß an der Gymnasialbildung liegt?
Und schick bald die schmutzige Wäsche. Der letzte Kartong war schrecklich zerrissen.

Mein Kostüm habe ich umfärben lassen. Jetzt ist es marineblau.
Lass Dein Zimmer heizen! Wir machen schon lange Feuer.
Das Fleisch das kaufe ich jetzt bei unsrer Gemüsefrau
da ist es 10 Pfennige billiger. Ich finde es trotzdem noch teuer.

Drei Monate bist du nun schon nicht zu Hause gewesen.
Lässt es sich wirklich nicht mal und wenns auf zwei Tage ist machen?
Erst vorgestern habe ich eine Berliner Zeitung gelesen.
Fritz, sieh dich bloß vor! Da passieren ja grässliche Sachen!

Ist das Essen auch gut in dem Restaurant wo du isst?
Lass Dir doch abends von Deiner Wirtin zwei Eier auf Butter braten.
Das wird alles anders, wenn Du erst richtig verheiratet bist.
Ich weiß schon Du hast keine Lust. Das ist schade da lässt sich nicht raten.

Unser neuer Zimmerherr der hat eine richtige Braut.
Die ist mitunter bei ihm. Sonst bin ich mit ihm ganz zufrieden.
Die Hausmannsfrau hat sie gesehen. Und sagte gestern ganz laut,
das wäre nicht immer dieselbe. Ich müsste das endlich verbieten.

Hast Du in eurem Geschäft schon wieder mal Ärger gehabt?
Schreib mir nur alles und sieh dich recht vor mit den Mädelsgeschichten.
Es wäre doch schade um Dich. Denn Du bist doch sonst so begabt.
Wie schnell ist was los mit dem Arzt und den Vormundschaftsgerichten.

Sonst geht es uns allen wenn man das Schlechte nicht rechnet famos.
Ich hoffe dasselbe von Dir. Was wollte ich gleich noch sagen?
Das Papier ist zu Ende. Leb wohl! Bei Ehrlichs ist wieder was los.
Ich will nur den Brief noch ganz schnell in den Bahnhofsbriefkasten tragen.

Da fällt mir noch etwas ein. Doch es geht schon gar nicht mehr her.
Kannst Dus auch lesen? Frau Fleischer Stefan traf ich jetzt im Theater.
Was die Erna ist, ihre Tochter. Die liebt dich längst schon. Und sehr.
Ich find sie recht nett. Na schon gut. Auch viele Grüße von Vater.