Frühe Moderne 1890 - 1925

Unter diesem Titel habe ich einige literarische Strömungen aus der Zeit der Jahrhunderwende und dem ersten Viertel des 20. Jahrhunderts zusammengefasst, die sich in ihrer zeitlichen Ausdehnung teilweise überschneiden und deren thematisch-formale Charakterisierung widersprüchlich ist. So werden manche der Dichter meiner Sammlung mal der einen mal der anderen Richtung zugeordnet. Es herrscht, so weit ich sehe, in der Literaturwissenschaft hierüber auch kein genereller Konsens. So (ver)suchen diese einschlägigen Übersichten entnommenen Bezeichnungen lediglich eine annähernde Einordnung der lyrischen Produktion dieser Zeit.

Expressionismus
Mit Expressionismus bezeichnet man eine gesamteuropäische Kunstbewegung zwischen 1910 und 1924. Der Anstoß ging von den Malern aus; der Name Expressionismus war zuerst der Titel einer Kunstausstellung in Paris (1901 von J. A. Herve geprägt). Alle Künste wurden von dem neuen Ausdruckswillen erfasst; die Maler der „Brücke“ und des „Blauen Reiter“, aber auch der Komponist A. Schönberg, der eine neue Harmonielehre veröffentlichte. Die künstlerische Avantgarde träumte von einer Symbiose aller Künste: Maler und Bildhauer illustrierten Sprachkunstwerke oder dichteten selbst (Kokoschka, Kandinsky, Barlach). Auf der Bühne sollte ein „Gesamtkunstwerk“ aufgeführt werden, an dem Bild, Wort, Musik, Tanz beteiligt waren.
Die bevorzugten literarischen Gattungen des Expressionismus sind die Lyrik und die Dramatik. Zu den bekanntesten Lyrikern gehören Gottfried Benn, Georg Heym, Else Lasker-Schüler, Ernst Stadler, Georg Trakl, Alfred Wolfenstein. Sie und Gedichte weiterer zeitgenössischer Dichter:innen werden 1919 vom Literaturkritiker Kurt Pinthus in seiner programmatischen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ herausgegeben. Diese Gedichtsammlung avanciert binnen weniger Jahre und Neuauflagen zum Standardwerk des lyrischen Expressionismus. Von den Malern, vor allem den Futuristen, übernimmt er den Hang zur Abstraktion; er äußert sich in der Dichtung in einer Dekonstruktion der üblichen Grammatik. Der Satz soll befreit werden von allen logischen Zutaten (Konjunktionen, Adverbien, Interpunktion). Das Substantiv wird zur wichtigsten Wortart.

Impressionismus und Symbolismus
Seit dem Beginn des Naturalismus 1850 konnte sich dieser in Österreich nie richtig durchsetzen. Das ist auch die Erklärung für die zeitliche Überschneidung von Naturalismus (1850-1910) und den Gegenströmungen (1890 - 1925). Es wurde lange nach einem passenden Namen gesucht, der diese sich gegen die Realität sträubende Bewegung abdeckt. Es fanden sich viele Namen, doch keiner war für alle Ausprägungen treffend. Es tauchten Namen auf wie: Symbolismus, Impressionismus, „Wiener Moderne“, „Das junge Wien“, Dekadenzliteratur.
Es findet eine Entfremdung und Isolation des Menschen aus der Gesellschaft statt. In seinem Krisenbewusstsein sehnt er sich nach einem neuen Lebensstil, nach neuen Gesellschaftsformen. Der Rationalismus wird verdrängt und die Emotionen treten in den Vordergrund. Während der Naturalismus eine materialistische Weltanschauung beinhaltet, versuchen die Gegenströmungen, sich von der Wirklichkeit zu distanzieren.
Arthur Schnitzler, Detlev von Liliencron, Rainer Maria Rilke werden dieser literarischen Strömung zugerechnet. Zwischen ihnen kommt es zu Überschneidungen und unscharfen Übergängen. So werden dieselben DIchter hin und wieder verschiedenen dieser Strömungen zugeordnet.

Wiener Moderne
Für die Wiener Moderne sind die Wiener Cafés ein ganz typischer Ort. Man nennt sie literarische Cafés, denn sie sind Treffpunkt für Autoren, Dichter, Künstler, Journalisten, Ärzte und andere Intellektuelle. Es handelt sich um gelegentliche Treffen, die keinesfalls wie in Deutschland zu festen Zirkeln anwachsen. Es werden keine verbindlichen Regeln angenommen. Man kommt zusammen und diskutiert über die verschiedensten Themen wie Literatur, Kunst, Politik oder Wissenschaften. Solche Runden haben einen großen Einfluss auf die einzelnen Dichter, auch wenn sie nur beiläufig einem Treffen beiwohnen. Die bedeutendsten Dichter dieser Ära sind Hugo von Hofmannsthal und Arthur Schnitzler.

Symbolismus
Symbole werden zur Darstellung abstrakter Gefühle und Gedanken verwendet. Die Dichter:innen wollten die Fesseln der deutschen Sprache sprengen. Als ihnen die Worte zur Beschreibung von Sinnlichem ausgehen, greifen sie auf die Umschreibung mit Hilfe von Symbolen zurück. Der Symbolismus versucht, verborgene Geheimnisse bewusst zu machen. Die Geschichte bestätigt die Bedeutung der symbolischen Darstellung. In vielen Völkern und Kulturen lassen sich gemeinsame und immer wiederkehrende Symbole entdecken, z.B. haben sich die Bedeutungen von Sonne, Wasser oder Feuer nicht viel verändert. Der Symbolisismus setzt sich in seiner Dichtung mit der Schöpfung und dem Leben im Zusammenhang mit dem Tod auseinander. Der Tod ist der bittere Kern der süßen Frucht des Lebens. Der Sinn des Lebens ist der Tod. Eines kann ohne den anderen nicht sein. Zu den herausragenden Vertretern des Symbolismus zählen u.a. Rainer Maria Rilke, Hugo von Hofmannsthal, und Stefan George.