Rudolf Hagelstange

VENEZIANISCHES CREDO

Frankfurter Anthologie


Das „Venezianische Credo“ ist ein Werk mit besonderem Schicksal. Die strengen Sonette, in denen sich Einkehr und Widerstand äußern, wurden 1944 in Oberitalien geschrieben und im April 1945 illegal von der Officina Bodoni in Verona gedruckt. Im Augenblick des Zusammenbruchs eines verbrecherischen Regimes steht dieses dichterische Credo eines deutschen Soldaten und Kriegsgefangenen, diese Suche nach den jahrelang verratenen Werten als Bekenntnis zur Zukunft.

„Diese dichterische Aussage ist nicht entschuldigend, sondern reinigend; nicht hinweisend, sondern deutend. Sie hebt aus dem Schutt einer noch nicht beendeten Pathologie das stumme Bild des Maßes empor, zögernd, tastend, aber in der richtigen Spur.“

Ernst Glaeser

„Hagelstange war nach dem Kriege unter den ersten, die bei uns zu Namen kamen. Der frühe Ruhm des „Venezianischen Credo“ ist auch heute noch unvergessen. Diese 1944 geschriebenen Sonette sind eines der wenigen Dokumente dichterischen Widerstandes, ein mutiges und humanes Zeugnis in einer finsteren Zeit.“

Karl Krolow



Es ist mir bekannt, dass sowohl Glaeser als auch Krolow eine fragwürdige Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus eingenommen haben. Doch sind sie in der restaurativen Nachkriegsphase der frühen Bundesrepublik unter Adenauer keineswegs die einzigen, denen trotz (oder gar wegen?) eindeutiger Verstrickungen in Ideologie und Apparat des NS-Regimes eine glänzende Nachkriegskarriere nicht verschlossen blieb. Vielleicht hat ja ihre eigene uneindeutige Haltung in jener „finsteren Zeit“ zu ihrem nachträglichen Lob eines Eindeutigen beigetragen. Ich kann das nicht entscheiden und möchte mir auch kein posthumes Richteramt anmaßen.

Fritz Stavenhagen