Wo sich berühren Raum und Zeit

Mascha Kaléko

Aufnahme 2017

Wo sich berühren Raum und Zeit,
am Kreuzpunkt der Unendlichkeit,
ein Pünktchen im Vorüberschweben.
– Das ist der Stern, auf dem wir leben.

Wo kam das her, wohin wird es wohl gehn?
Was hier verlischt, wo mag das auferstehn?
– Ein Mann, ein Fels, ein Käfer, eine Lilie
sind Kinder einer einzigen Familie.

Das All ist eins. Was „gestern“ heißt und „morgen“,
ist nur das Heute, unserm Blick verborgen.
Ein Korn im Stundenglase der Äonen
ist diese Gegenwart, die wir bewohnen.

Dein Weltbild, Zwerg, wie du auch sinnst,
bleibt ein Phantom, ein Hirngespinst.
Dein „Ich“, das Glas, darin sich Schatten spiegeln,
das „Ding“ an sich, - ein Buch mit sieben Siegeln.

Wo sich berühren Raum und Zeit,
am Kreuzpunkt der Unendlichkeit. -
Wie Windeswehen in gemalten Bäumen
umrauscht uns diese Welt, die wir nur träumen.