Die alte Frau

Gertrud Kolmar

Aufnahme 2020

Heut bin ich krank, nur heute, und morgen bin ich gesund.
Heut bin ich arm, nur heute, und morgen bin ich reich.
Einst aber werde ich immer so sitzen,
In dunkles Schultertuch frierend verkrochen, mit
     hüstelnder, rasselnder Kehle,
Mühsam hinschlurfen und an den Kachelofen knöchrige
     Hände tun.
Dann werde ich alt sein.

Meiner Haare finstere Amselschwingen sind grau,
Meine Lippen bestaubte, verdorrte Blüten,
Und nichts weiß mein Leib mehr vom Fallen und Steigen
     der roten springenden Brunnen des Blutes.
Ich starb vielleicht
Lange schon vor meinem Tode.

Und doch war ich jung.
War lieb und recht einem Manne wie das braune nährende
     Brot seiner hungrigen Hand,
War süß wie ein Labetrunk seinem dürstenden Munde.
Ich lächelte
Und meiner Arme weiche, schwellende Nattern lockten
     umschlingend in Zauberwald.
Aus meiner Schulter sproßte rauchblauer Flügel,
Und ich lag an der breiteren buschigen Brust,
Abwärts rauschend, ein weißes Wasser, vom Herzen des
     Tannenfelsens.

Aber es kam der Tag und die Stunde kam,
Da das bittere Korn in Reife stand, da ich ernten mußte.
Und die Sichel schnitt meine Seele.
»Geh,« sprach ich, »Lieber, geh!
Siehe, mein Haar weht Altweiberfäden,
Abendnebel näßt schon die Wange,
Und meine Blume schauert welkend in Frösten.
Furchen durchziehn mein Gesicht,
Schwarze Gräben die herbstliche Weide.
Geh; denn ich liebe dich sehr.«

Still nahm ich die goldene Krone vom Haupt und verhüllte
     mein Antlitz.
Er ging,
Und seine heimatlosen Schritte trugen wohl anderem
     Rastort ihn zu unter helleren Augensternen.

Meine Augen sind trüb geworden und bringen Garn und
     Nadelöhr kaum noch zusammen.
Meine Augen tränen müde unter den faltig schweren,
     rotumränderten Lidern.
Selten
Dämmert wieder aus mattem Blick der schwache, fern-
     vergangene Schein
Eines Sommertages,
Da mein leichtes, rieselndes Kleid durch Schaumkrautwiese
     floß
Und meine Sehnsucht Lerchenjubel in den offenen Himmel
     warf.