Albrecht Haushofer

MOABITER SONETTE


Es mag noch nicht eine Stunde nach Mitternacht gewesen sein in der mondlosen regnerischen Nacht vom 22. zum 23. April 1945, da peitschten Schüsse über das Trümmerfeld zwischen Lehrter Straße und Potsdamer Bahnhof in der Hauptstadt des «Großdeutschen Reiches», um die sich einen Tag später der sowjetrussische Belagerungsring schloss. Acht Menschen verschiedenen Alters, Herkommens und Geistes, einig nur in freilich unterschiedlich begründetem Hass und Abscheu und in bitterer Verachtung des zwölf Jahre dauernden nationalsozialistischen Regimes, Häftlinge der Gestapo, brechen unter Pistolenschüssen in den Ruinen eines ehemaligen Ausstellungsgeländes zusammen. Man hatte ihnen gesagt, sie würden aus dem Gefängnis Moabit verlegt, und sie unter dem Vorwand, den Weg zum Potsdamer Bahnhof abkürzen zu wollen, in das Trümmergelände geführt. Hoffend, dass diese Verlegung das Ende der Haft bedeute, mögen sie in diesen Minuten die Freiheit zum Greifen nahe geglaubt haben.
In einiger Entfemung fällt eine zweite Salve. Sechs weitere Häftlinge werden niedergestreckt. «Beeilen!», schreit der SS-Sturmführer. «Wir haben noch mehr zu tun – sonst wird es hell!» Genickschüsse für die, die sich noch bewegen oder leise stöhnen. – Dann entfernen sich die Tritte schwerer Stiefel.
Einer überlebte, ein junger Kommunist, der trotz eines Kopfdurchschusses bei vollem Bewusstsein alles mitangehört hatte. Da er sich tot stellte, entging er dem «Gnadenschuss». Ihm ist zu danken, dass die dreizehn Ermordeten Wochen später gefunden wurden.
Man hatte ihnen, bevor man sie umbrachte, alle Wertgegenstände genommen. Doch einer der Toten hatte sich nicht von dem Ureigensten, Teuersten getrennt, das ihm in der Haft geblieben war, das erst die Einsamkeit der Zelle zutage gefördert hatte: Bilder, Erinnerungen, unverlierbarer Besitz des Geistes – auf fünf zusammengefalteten, blutbefleckten Blättern im DIN-A4-Format, sorgfältig und gleichmäßig beidseitig mit Kopierstift beschrieben, das Manuskript der achtzig Gedichte, die man später die «Moabiter Sonette» nennen wird.
In ihnen spiegelt sich in vielfacher leidvoller Brechung die Lebensgeschichte ihres Verfassers, aber auch der schwermütige Ästhetizismus, die gezügelte Leidenschaft und das vorausempfundene Leiden einer ganzen Generation, die den Untergang einer Welt, einer Kulturform, in der sie tief verwurzelt war, ahnend erfühlt und im Voraus erlitt, ohne noch die Kraft zu besitzen, sich energisch gegen die Zerstörung, die Perversion zu stemmen.


Ursula Laack